Öffnung I

by Olaf Schäfer

Ein metallen blauer Himmel im Dämmerzustand,
der Regen, mit Hagelkörnern durchsetzt, pleckert auf mein zinkgraues Fensterblech.

Am liebsten ist mir ein Sommergewitter am Anfang, wenn zu spüren ist, wie es nach dem Raum greift, sich ihm einverleibt und die ersten Schwaden feucht durchsetzter Luft durchziehen.

Ja, so hätte es eigentlich schon gestern erklingen müssen, doch wegen des gestern geschlossenen Fensters, was heute ein trotz ist, war er nicht zu hören.

Am Tag zuvor noch hatte ich Blitz, Donner, offenes Fenster, doch der Sturm hielt nicht Einzug, kein Sommergewitter, die Aufladung fehlte, es war zu kalt, ich machte die Fenster zu, denn Regen und Gewitter zogen mich unbehelligend vorüber.

wenn die ersten Tropfen auf dem Gesimsstreifen aufplatzen, und hochspritzen
so dass ich hörend ihre zersprungenen Feinteile von meinem Platz in der Raummitte auch sehen kann
.

Heute dieses schöne Gefühl, dass da draußen etwas ist, das farblos und unsichtbar hinter dem Fenster vor meinen unscharfen Augen vorbeifliegt, und dennoch hereinspritz. So halb drinnen und halb draußen ist das ein äußerst genussvoller Augenblick.

Meine Ohren scheinen gespitzt zu sein, nach diesem Verlockenden plackern, der kurzen schweifenden Bewegung einer Gießkanne im Himmel. Im Anschluss daran höre ich die Abendvögel deutlicher und lauter, die noch dem Tag nachrufen und zwitschernd ihre letzten Flüge hier bei mir, am Trichterrand des Innenhofes, mit der Dachtraufe oberhalb des von mir bewohnten Geschosses, kreuzen. Der Himmel schimmert immer noch in seinem metallenen Blau, und ich fühle die ersten Schwaden sommerlicher Entspanntheit, die Poren meiner Haut, die sich wie Weizenfelder im Wind öfnnend und schließend im Wechsel der Wärme und kühle, der trockenheit und Feuchtigkeit wiegen, meine Unterarme umspülen.

Das sollte es eigentlich auch im Winter geben, wenn viel feiner und leiser noch, der Schnee fällt und man ihn trotzdem hört.

Wie dumm meine Fenster doch sind. Können nur das Licht hereinlassen, sonst nichts. Nur wenn ich sie aufmache, dann natürlich, aber das Öffnen eines Fensters ist ja eigentlich die Negation eines Fensters, auch wenn das Fenster wiederum die Negation einer Öffnung ist. Denn eigentlich schließt es ja das, was offen ist, oder reduziert es zumindest auf den einen kanal meiner Sinne, der so ungehindert von ihnen durch sie hindurchreichen kann. Außer dem des Lichts ist im Fenster also kein Kanal beabsichtigt, der offen gehalten werden soll. Das ist eigentlich reichlich wenig.

Manchmal wäre es mir lieber, es wäre dunkel hier drin, in meinem Zimmer, oder zumindest dämmrig und schummrig, weil ich dann besser denken kann.

Dann könnte ich noch hören, was draußen so passiert, aber mein Blick wäre in dem kleinen Lichtkegel gebannt, der von meiner kleinen grauen Bauhauslampe ausfaltet. Genauer wäre mir lieber, Luft und Ton zu haben, aber ohne Licht. Eine frische Brise in der Nase, regengesättigt, mit dem Staub der Straßen und den Moderdämpfen der Erde, die auch hier oben noch in der Luft zu schmecken sind.

Sie ist arm, unsere Architektur, arm an Öffnungen. Alle hängen ihm noch nach, seit mehr als 75jahren, dem Fetisch des Glases und des Lichts. Inkorporiert darin die Idee der Hygiene, die der Reinheit, der Idealität.