Art and Language

by Olaf Schäfer

Großer Bahnhof bei Beuys, dem Künstler des Kults. Wer noch nicht war, muss heute gehen. Ich also auch, am letzten Tag, aber früh genug um nicht in einer Schlange bis vor dem Gebäude warten zu müssen. Als erstes zieht es mich in die Box in der Box, den oft gestellten White Cube inmitten der Haupthalle, der jetzt sogar mit rot “Eingang” und “Ausgang” benannt bekommt.

Als ich dort drin bin, fange ich erst an, umzuschalten durch Einschalten auf Wahrnehmung. Was ich sehe setze ich zusammen mit dem was ich weiß, nach Absturz Wiederkehr der Fragmente aus Fettwickeln und Filzbinden.

Doch schnell kehre ich wieder zurück zu mir, heraus aus dem Reinraum hinein in den Ganzraum. Der Hintergrund drängt nach vorne, das daneben, darunter und drumherum der Objekte und Exponate. Vielleicht weil ich eh nur da bin, um nichts verpasst zu haben, und gar wenig Neugier zu sehen habe; sicher auch weil:

große rabarbernde Murmeln in die Kiste hineinströmen

Wie viele Menschen das sein müssen, die sich da zu einer Wärmeplastik formend lebhaft ihren kommunizierenden Verschmelzungen nachgehen?

so ich. Treibe hinaus hinein, an der Mitte vorbei, bade im Ganzen. Störe die mit gut getarnten grauen Klebern gezogene Trennungen der Monumente und meiner Passage (weil ich doch alles zu meinem ästhetischen Erleben machen will) und schweife zurückgepfiffen im Slalom entlang zwischendurch. Lasse meine Gedanken und Sinne – wie beiläufig mit Händen – die Objekte und Subjekte und ihr dazwischen streifen

und stoße auf die Wärmeplastiken.

Wie um Kohlefeuer in den Tonnen der Bronx herum versammelt stehen die Menschen in Gruppen, Klein- und Kleinstgruppen. Nicht wie in einem archaischen Ritual gemeinsam auf einen unendlich in der Mitte liegenden Punkt gerichtet, sondern in moderner Anmutung , ihre Körper in eine freie Richtung gedreht, nur ungefähr angeordnet in einem Halbkreis. Von oben im Grundriss gelesen wären sie wie 5tagebartstopppeln im Waschbecken zu sehen. Überall in der Halle stehen sie und halten sich an die Wärmeplastiken “Fernseher”, die schon bei der Meisten Zuhause flackernd das wärmende Licht des Feuers ersetzt.

Das Problem ist nur, dass dort nur einer dröhnt und tönt, während es in dieser Halle 20 bis dreißig Stück sind. Deswegen müssen sich viele auch entscheiden, ob sie jetzt Sehen oder Hören wollen. Denn wie beim Menschen die Ohren an der Seite und die Augen frontal platziert sind, strahlen auch die bekannten schwarzen Museumsflimmerkisten ihre Bilder nach vorne und die ganzen Worte rechtwinklig zur Seite hin ab. Das ist dann auch eine ganz neue Form von Stereo: das heißt hier nämlich: Abstrahlrichtung von linkem und rechtem Kanal um 180° voneinander weggedreht.

Endgültig verschmolzen wird das ganze Klingen dann dadurch, dass die Fernseher manchmal in Reihe stehen, oder andere mit einer Seite zur Wand, die wie der harte Bodenbelag den ganzen Schall zur anderen Seite wieder zurückwirft.

Deswegen stehen Sie auch so offen, fast kommunikativ dreinschauend. Entweder Hörend mit Blick auf die Sehenden, oder Sehend mit Horch auf die Hörenden. Ein paar versuchen tatsächlich zu Hören und zu Sehen gleichzeitig. Schwer aber nur kann ich erkennen, dass zu dem ganzen Mühen mit den inkohärenten Sinneskanälen manchen auch noch Raum bleibt, gemäß dem Metatext der “Wärmeplastik” einen Sinn zu widmen. Dem Menschen Ihnen Nebenan.