Spreespotting I

by Olaf Schäfer

Die ersten Schritte nach dem Verlassen der Wohnung sind Versuche wie auf Neuland. Da ist alles noch namenlos wie unklar, wohin aber auch wie mich der Weg führt. Der vor Tagen noch tiefe Schnee ist unter der Vielzahl von Pfaden und Wegen, die die Menschen hier entlang in Ihrer Stadt begehen, zu einer welligen aber glatten, grauweiß melierten festen Belagsschicht niedergetreten worden, die vom täglichen Schmelzprozess und dem nächtlichen Bodenfrost in eine durchgehende Eisdecke verfroren wurde. So ist alles zuerst auf dieses Tasten mit den Füßen verlagert, das sich wieder finden muss, um eine angemessene Gangart für diese Situation zu finden. Die Situation ist: Ich wende mich doch gleich der Spree zu, die keine fünfzig Meter von meinem Hauseingang vorbeizieht und auch immer von den Fenstern meiner Wohnung aus erster Bezugspunkt beim Blick nach draußen ist.
Wie so oft frage ich mich, woher an diesem frühen Sonntagmorgen denn das umfassende Rauschen herkommt, wähne ich doch die meisten Menschen und mit Ihnen ihre Autos und Geschäftigkeiten noch in der Ruhe ihrer Wohnungen. Es könnten ein paar S-Bahnen und Züge mit dabei sein, die da zwischen Spree und Tiergarten am Hansaviertel entlang Rauschen, doch so ganz nehmen Sie mir die Antwort dieser Frage nicht ab. Ich wende mich nach rechts, flussabwärts und wähne im morgendlichen halbdunkel die Welt ansonsten noch still, so wie auch das Wasser daliegt, ohne sichtbare Flussrichtung, nur von einer Vielzahl leichter Beulen durchzogen die sich heben und senken.

Langsam werde ich aufgenommen von den letzten Schwaden des Frühnebels, die schon von dem hinter und über ihm und überall um mich herum sich zart abzeichnenden blauen Himmel durchdrungen und ausgelöscht werden. Das Krähen der Raben ist eine erstes lautes Zeichen, das zu mir durchdringt und mich weiter in die bruchstückhaften Naturelemente hineinzieht, die in der Stadt zu finden sind. Weiter vorn höre ich ein Plätschern, das mich weiter treiben lässt. Doch kaum schneller scheine ich mir als der so träge Fluss der in der ihn beschreibenden Eigenschaft eher ein flüssiges oder wässriges ist und dem Wesen nach träge wie ein Träger. Links von mir also der flüssige Träger, so dass die Herkunft dieses Plätschern ein Geheimnis bleibt, als ich auf Höhe der vermeintlichen Klanquelle vorbeikomme. Dort fallen mir die Reste der Eisschicht ins Auge, die vor wenigen Tagen noch die gesamte Spree zum oberflächlich betrachtet endgültigen erliegen gebracht hatte. Still hatte sie so dagelegen, gestarrt, dem Auge zwar ein Unterschied, doch dem Ohr in dieser kalten Jahreszeit keiner.
Solange keine Schiffe wie dann im Sommer verkehrten, war kein Wellengang und keine Uferböschung, die ein Glucksen und Plätschern verbreiteten, wo Land und Wasser sich trafen. Die einzigen Male, in denen dieser Zustand in den vorangegangenen Tagen unterbrochen worden war, war die tägliche Fahrt des Eisbrechers gewesen, der sich durch die kalte und glatte Schicht hindurch flussaufwärts fraß. Dann hatte schon von weitem ein tiefes Dröhnen etwas Fremdes und Seltenes angekündigt, das an diesem Weg der Stadt sonst nie zu hören war. Der Krümmung des Weglaufs entsprechend war noch unbesehen, was da in einem langen crescendo sich den Weg durch das Spreeis hindurch bahnte. Dann, schon sichtbar, wie er mit hochgerecktem Bug und herausgedrücktem Kiel, wie es die Spreeschiffe ansonsten nicht ausbilden, das Band in der Mitte durchschnitt, hörte man ihm vorauseilend, wie sich die Spannungen der Eisplatten in hellen, springenden Vibrationen, eine Mischung gläserner Cellosaiten und stählerner Trommelfelle, über der Eisdecke entluden . Nur wenige Sekunden später war alles ein Mahlendes, Dröhnendes und fast zu lapidares, weil leichtes Bersten. Die ganze Decke gefrorenen Wassers geriet in Wallung und wurde vom Kraftfeld des so genannten Seelöwen, das von seinem halb ins Wasser und in die Luft gereckten stählernen Korpus ausging, erfasst. Die von dort ausgehenden Bugwellen, die wie Schwingen eines Vogels die gesamte Breite des Fluss bis hin zu den Uferböschungen durchflossen, zerbrachen die vermeintlich so dicke Eisschicht mit seiner durch die Fläche rollenden Bewegung in Fragmente. Fragmente, die dann noch – der Eisbrecher sie hinter sich lassend – erschüttert eine Weile aneinander stießen, mit ihren eisigen Zacken ein wenig knirschten, raspelten und schmatzten, um sich dann in ihren Regungen verebbend wieder hinzulegen und darauf zu warten in der folgenden Nacht oder gar schon im Laufe des Tages sich in der Kälte wieder zu vereinigen.
Heute nun waren es nur noch ein paar wenige Schollen, die sich da im Strömungsschatten am Rand eisern zusammengerottet hatten, und denen nur noch die Wärme des Tages und die Sonne etwas anhaben konnten. Ein paar Vereinzelte trieben von irgendwo flussaufwärts herbeigeströmt in der Flussmitte, denen ich folgte.

Die Raben waren so laut geworden, dass ich dankbar die Spatzen annahm, die in einem kahlen Busch neben mir trällerten. Der Gang um den Busch herum lenkte meinen Blick auch auf den in meinem Rücken sich ausbreitenden Himmel, der dort von unterhinterhalb ganz des Horizonts, so mit Licht bestrichen wurde, dass die darin sich wie eine Wirbelsäule ausstreckende Gemengelage der Wolken in Kleinmädchenrosa vom Knabenhaften hellblau ahoben, gehalten und mit Volumen versehen durch das unbescheinte Wolkengrau. Der doppelte Kirchturm der Erlöserkirche hob sich dunkel darin ab, als ob meine Augen diejenigen Caspar David Friedrichs seien.
Das sich treffend einstellende Glockenschlagen weckte eine Welt und generierte eine kurze Üppigkeit, weil weiter hinten sich nun auch ein kleiner Schwarm mit seinen Stimmen erwachend erhob, der das Krächzen der Raben, das Trällern der Spatzen, mit seinem Zwitschern und dem vereinzelt auftauchenden kurzen und impulsartigen Pfiff der Blässhühner, bei denen ich immer das Gefühl hatte, dass sie damit doch auch die Wasserfläche und die Umgebenden Ufer ausloteteten, auffüllte.

Ich schlenderte weiter um dem wilden Schwärmen der Möwen näher zu kommen und vermeinte zuerst Ihre schreienden Laute zu hören, als sich dann der Seelöwe überraschenderweise wieder in die Reichweite meiner Augen schob und mir da erst bewusst wurde, dass es seine wohl zu selten bewegten Glieder und Gelenke sein mussten, die da kreischend und quietschend ihn vorantrieben. Wie in den Tagen zuvor schob er sich wuchtig flussaufwärts, als ob auf der Suche nach noch zu zermahlendem Eis. Seine drei großen Bugwellen, die keines der sonstigen Spreeschiffe zu erschaffen vermochte, oder gar nicht erschaffen durfte, sprangen in hoher Frequenz den Faltungen der Uferspundwände entlang, und erlaubten sich dabei bis über den befestigten Uferrand hinauszuschwappen. Zeitgleich erhob sich dann tatsächlich das Geschrei der Möwen, als ob auch sie wie ich sich dieses nun etwas wilder gewordenen Wassergangs erfreuten, sich ihrer maritimen Herkunft erinnerten und tiefe Instinkte fühlten.
Die Bugwellen der anderen Seite waren bereits vom dortigen Ufer reflektiert worden und sprangen nun auch meiner Spreeseite entlang den vorauseilenden hinterher, wie ein sichtbares und zugleich hörbares Echo. Die Spree war so in Wallung versetzt, dass die Spundwände nun unablässig ihr glucksen und schlürfen hören ließen, dass es mir fast zu eintönig wurde, und mich wieder drängte, weil es schon lange in meinem Kopf herumspukte, ihre serielle und unablässig sich in gleich bleibenden Dimensionen wiederholende Form aufzubrechen. Weil sie so, wie sie jetzt waren, nur von Berlins Flussufern unerhörter Armut erzählten.