METROFONIE

Stadt Hören

SIGNALSTADT

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Helios

helios

Halbstarke Laubbläser

From the workers perspective i prefer rakening leaves.
As a listener in situ i was disturbed.
Now i like it.

md_leafblowers

Kiekebusch von Krake

Wir hatten uns endlich zusammengefunden, Christoph und ich, um uns unserer gemeinsamen Liebe, technoider elektronischer Musik hinzugeben – oder was man für Hingabe hält, wenn man um die 40 Jahre herum ist.

Eigentlich war es ein verspäteter Geburtstag aus dem Winter, den ich beim Nachfeiern im Frühsommer an der Havel verpasst hatte, und der nun, über den Hypothetischen Umweg einer Fahrradtour mit Zeltnacht am See – als das Kiekebusch-Abschluss-Open-Air des Krake-Festival, vor uns lag.
Vor ein paar Wochen hatten wir die erste Hälfte vorgelegt, beim Baden am Türkisgrünen Liepnitzsee, und gelungen den Berliner Sommer in uns aufgesogen. Das hatten wir ganz sportlich mit dem Fahrad gemacht, und so war es auch heute keine Frage gewesen, das jetzt anders zu machen.

Irgendawann am Weg entlang, der Stadt heraus, sind wir dann an der nordöstlichen Ecke des Flughafen Berlin-Schönefeld angekommen, obwohl unsere Routenplaner, -Finder und Kartierer hier nichts zum Vorbeifahren gefunden hatten. Unsere juvenile Abneteuerlust hatte uns wohl trotzdem hierhergeführt. Die Routenplaner hatten recht, zumindest was man den Willen der Landschaftsplaner vor Ort betreffend sagen konnte, die um diese räumlich massiv eingreifende Umweltkonstruktion nicht einmal einen ordentlichen Wirtshchaftsweg vorgesehen hatten, den man bequem zu Fuß oder mit Rad zum Umfahren des rießigen Flugfelds benutzen konnte.

Was doch das mindeste wäre, wenn man den Menschen ein solches Machinatop vor die Nase und vor allen Dingen auf die Ohren setzt. “Dann hätten die wenigstens etwas ergreifendes zu sehen, und deren eigenes Hören und Riechen wäre positiv maschiniger”, denke ich bei sowas immer. Nunja. Für diese Planermentalität und -medialität könnte auch bei einem anderen Stand des Fertigstellungserfolgs solcherweise Denken und Fühlen wohl kaum etwas bedeuten. In deren Plänen sind die Menschen auf dem Radweg so groß wie Läuse.

Glücklicherweise hat der Flughafen Willy-Brandt aber etwas Innovationsstau, und so kommen wir nach kurzen Niemandslandirritationen, auf den fertig ausgebauten Flughafen-Autozubringern, die menschenleer in Ruhe daliegen.

Asphaltbänder//mit Leitplankenbändern//dazwischen die Streifen//gestrichelt//
rauh der Boden//die Farbe//die Weite.

Alle Wege führen zur Transversale, die weit ins Flugfed eindringt. Wir müssen aber hinüber und so kreuzen wir die Planken, Streifen und Bänder (und eigentlich auch die Gleise) was uns mit Autoverkehr kaum gelungen wäre.

Danach waren wir endlich auf einem Feldweg eingefahren, der uns schon an seinem Anfang das Ankommen am Ende vorfühlen lies. Rechts von uns fahren irgendwelche Mähmaschinen die Wiesen hinterm Flughafenzaun entlang, und ich frage mich kurz, ob mehdorn jetzt auf ökologische landwirtschaft umgestellt hat. Deren Brummen blendet in und aus dem kurzen Hundeintermezzo und findet dann schon im audioscope des radarturms und ersten bleep-bleeps aus den Büschen statt, die wir da vor uns aus einer Senke herauswachsen sahen.

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Wir sind beim

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Sarajevo-Mostar Trainride

The rhythm of a train. I recorded it for a friend of mine, who is a drummer, in Bosnia 2009.  I was recording looking out of a window in the train. The track was following the river Neretva. The train was stopping at little stations, small huts with a name on the side. Passing tubes and bridges.

The track was recorded with binaural okm mics on my head. Sorry for the air pressure peaks. I think I ought to build some earmuffs out of a rycote windshield, also I fear it would look damn silly. But sometimes it’s a pity you don’t have some proper wind-protection on them.

To me this is like  listening to history. It’s the sounds of some year ago. I have no glue, where to find these sounds in germany anymore.

The same is with some other sounds. Bosnia has a beautiful countryside, and I would love to have a deep walk in it’s nature. Unfortunately there still stick more than 1 Million mines in the ground, what still prevents me from cross-country hiking and recording there. Lost sounds.

Meditation

Professionalisation Of Listening.

Disciplining Spaces.

Listening To Countryside.

[…]

Conceptualising New  Ways.

More Ethnographical Work.

More Intention To Intersensoriality.

Concluding Words (Veit Erlmann, 19.06.2010)

Minimal d p Noise

Früher habe ich immer gern auf Langwelle das Frequenzrauschen zwischen den Sendern angehört und herumgemischt, oder die synthetische Tonfolge an der Grenze von UKW.

Dieser Mann mit hervorragenden Ohren, macht etwas, das fast so gut ist, aber auch noch etwas ganz anderes:

Lee Patterson Fieldrecordings, der von Minimal Music aus auf noise hingehört.

bei Mir ankommen.

Die Tür musste zweimal ins Schloss fallen, dass ich sie hörte –

einmal kurz zurück, war ich noch umgedreht, in Feuer und Luft.

nochmals Licht, Wärme// dann weißes Holz

hinter eisernem Griff.

 

Die Tür musste zweimal ins Schloss fallen, dass ich sie hörte.

 

– Ich senke erneut meinen Blick auf die Stufen nach unten

als ich abwärts gehe –

höre ihr zu//

fallen

// bei Mir ankommen.

 

Bin allein! atme auf: die Handschuhe…

poltere die Treppen, hinunter-hinaus –

in die Abkühlung! wovon in mir drin gewesen//

 

Ronald Kirks Mischung experimentellen DixielandJazz,s

deren letztgehörter Dreh zu 70er Fusion in dessen darin

untenliegenden ostinaten Bassantrieb//mich „elektrifiziert“, aufstehen,

und geerdet auf den Weg machen lassen hatten.

 

Bei – mir – knir – schen die Schritte//meines Körpers draußen.

– rollend zur Ampel lausche ich ihnen, als Autos brummen: splittzernd.

 

 

grün gehe ich Fließend über die Straße.
mein: Ich versinke kurz. In Straße und Reifen.
lande seicht auf der anderen Seite, sachte wieder zu mir.
Dort bleiben Sie leicht,
es kommen Pfoten, sanft und leise,
im kühlen weißen Schnee.

Aus der heißen Welt zu mir.

Der Wind
Bläst mir entgegen,
Er flackert an meinen Ohren.
mein offener Mantel
lässt meine Arme aufschwingen.
„Ich fliege!“ atme ich ein.

rieche Frauen,

höre von rechts die S-Bahn, und mit
ihre Weite, das Fahle und Halbe.
freue mich, in sie, ihr Dazwischen, zu tauchen,

den Weg zu mir heim.

Kurz bin ich so über mir, wo es dunkel ist, dass ich abgelöst vom Boden.
Befreit.
Berauscht.

Dann unten im Matsch stapfe ich Treppen hoch und mir entgegen
Glöckchen springen.

wie meine Schritte klängen,
frage ich mich?,
wenn ich antwortete?

Klirrend und Rasselnd wie die eines Cowboys?
Weiter auf Leisen Sohlen mit dem Krepp unter mir?
Oder wollte ich lieber mit zischendem Gleiten
und kratzend dahin?

[…]

Frollein, Frollein! Brüllte der eine Kioskier zur „Anderen, Dame. Ihr Gegenüber.“
kam mir anachronistisch in Sinn.

[…]

Tauche weg ins Innen meiner Bahn,
schreibend. Höre immer wieder auf,
das Quietschen des Zuges,
Timmy Thomas’ „Why-can’t-we-live-together“-Heimorgelakkorde herausbrechend.

[…]

Sonst ein blanker Transit, beim Aussteigen komme ich erneut ins Gehör.
Ein italienisches Paar.
Beschließe, sie zu überholen, erfreut, dass Sie mich weiter verfolgt.
Vergnügt plappernd und klappernd, mit klackernden Sohlen. Lasse mich hinziehen und sinken. Eine Verführung – gleich dort am Boden. Genieße ihren tanzenden Rhythmus auf mir. Nehme ihn auf, in Gedanken, und wiege ihn weiter. Die Erkenntnis, dass im Klang meines Schrittes, Identität von mir steckt.

Fremdeln

[___]

rechteckige Stellplätze aneinanderschiebend passend machen

[___]

gestresst

blinzeln gedanken durch mein gestörtes unbewusstsein

Was [___] hier?

Die Nachbarn? // Deren Klingel. // ich ein paar Stunden zuvor // im dunklen fremden Treppenhaus // Verwechselt mit der Quelle meines Lichts?// Verfolgt ist mein fluchtartig ergriffener Weg die Treppen hoch!//

[___]

Sie kommen um sich zu beschweren.

Eine Klingel,

tat sächlich?

[___]

Ich lausche.

Ist das ein Takt// drängt wer so ebenmäßig?

[___]

Zu gleich, kein Mensch, ein Telefon?

[___]

Ein Atem hält an,

will entspannt ins stille Daliegen wieder ausatmen.

Vorbei? Gemerkt, dass alle schlafen?

[___]

Wacht die Bewohnerin der Räume auf? Macht sie auf, nimmt sie ab; weiß, wohin mit dem woher?

Doch Stille nur von ihr

[___]

Gräßlich rauhes, quadratisches Sinuspiepsen schießt ungebeugt mein bewusstsein wach. Doch immer noch passiert fremdes Geräusch meinen Ortungssinn –

sinnlos für HRTF-Funktion von Kopf und Ohren.

[___]

Ich verzweifle am Wissen meines Hörens ohne Sehen das fehlt,

genug. Ich ziehe die Reißleine der Nachttischlampe,

richte mich auf, blicke hinüber ins ungefähre

[___]

silbern liegt es da,

so fremd in seiner Sprache, ein laptop,

noch in Bereitschaft belassen schreit es so lärmig seinem nahen Energieende entgegen

[___]

Ich stehe auf, befingere es geschwind,

und gebe es morpheus hin,

ich selbst bleibe wach// meine Leinen dorthin zersägt.

mein geist muss sich wundern, von weit her wo ich komme, dass nicht alle kinder seufzend leiden.

Art and Language

Großer Bahnhof bei Beuys, dem Künstler des Kults. Wer noch nicht war, muss heute gehen. Ich also auch, am letzten Tag, aber früh genug um nicht in einer Schlange bis vor dem Gebäude warten zu müssen. Als erstes zieht es mich in die Box in der Box, den oft gestellten White Cube inmitten der Haupthalle, der jetzt sogar mit rot “Eingang” und “Ausgang” benannt bekommt.

Als ich dort drin bin, fange ich erst an, umzuschalten durch Einschalten auf Wahrnehmung. Was ich sehe setze ich zusammen mit dem was ich weiß, nach Absturz Wiederkehr der Fragmente aus Fettwickeln und Filzbinden.

Doch schnell kehre ich wieder zurück zu mir, heraus aus dem Reinraum hinein in den Ganzraum. Der Hintergrund drängt nach vorne, das daneben, darunter und drumherum der Objekte und Exponate. Vielleicht weil ich eh nur da bin, um nichts verpasst zu haben, und gar wenig Neugier zu sehen habe; sicher auch weil:

große rabarbernde Murmeln in die Kiste hineinströmen

Wie viele Menschen das sein müssen, die sich da zu einer Wärmeplastik formend lebhaft ihren kommunizierenden Verschmelzungen nachgehen?

so ich. Treibe hinaus hinein, an der Mitte vorbei, bade im Ganzen. Störe die mit gut getarnten grauen Klebern gezogene Trennungen der Monumente und meiner Passage (weil ich doch alles zu meinem ästhetischen Erleben machen will) und schweife zurückgepfiffen im Slalom entlang zwischendurch. Lasse meine Gedanken und Sinne – wie beiläufig mit Händen – die Objekte und Subjekte und ihr dazwischen streifen

und stoße auf die Wärmeplastiken.

Wie um Kohlefeuer in den Tonnen der Bronx herum versammelt stehen die Menschen in Gruppen, Klein- und Kleinstgruppen. Nicht wie in einem archaischen Ritual gemeinsam auf einen unendlich in der Mitte liegenden Punkt gerichtet, sondern in moderner Anmutung , ihre Körper in eine freie Richtung gedreht, nur ungefähr angeordnet in einem Halbkreis. Von oben im Grundriss gelesen wären sie wie 5tagebartstopppeln im Waschbecken zu sehen. Überall in der Halle stehen sie und halten sich an die Wärmeplastiken “Fernseher”, die schon bei der Meisten Zuhause flackernd das wärmende Licht des Feuers ersetzt.

Das Problem ist nur, dass dort nur einer dröhnt und tönt, während es in dieser Halle 20 bis dreißig Stück sind. Deswegen müssen sich viele auch entscheiden, ob sie jetzt Sehen oder Hören wollen. Denn wie beim Menschen die Ohren an der Seite und die Augen frontal platziert sind, strahlen auch die bekannten schwarzen Museumsflimmerkisten ihre Bilder nach vorne und die ganzen Worte rechtwinklig zur Seite hin ab. Das ist dann auch eine ganz neue Form von Stereo: das heißt hier nämlich: Abstrahlrichtung von linkem und rechtem Kanal um 180° voneinander weggedreht.

Endgültig verschmolzen wird das ganze Klingen dann dadurch, dass die Fernseher manchmal in Reihe stehen, oder andere mit einer Seite zur Wand, die wie der harte Bodenbelag den ganzen Schall zur anderen Seite wieder zurückwirft.

Deswegen stehen Sie auch so offen, fast kommunikativ dreinschauend. Entweder Hörend mit Blick auf die Sehenden, oder Sehend mit Horch auf die Hörenden. Ein paar versuchen tatsächlich zu Hören und zu Sehen gleichzeitig. Schwer aber nur kann ich erkennen, dass zu dem ganzen Mühen mit den inkohärenten Sinneskanälen manchen auch noch Raum bleibt, gemäß dem Metatext der “Wärmeplastik” einen Sinn zu widmen. Dem Menschen Ihnen Nebenan.

Spreespotting I

Die ersten Schritte nach dem Verlassen der Wohnung sind Versuche wie auf Neuland. Da ist alles noch namenlos wie unklar, wohin aber auch wie mich der Weg führt. Der vor Tagen noch tiefe Schnee ist unter der Vielzahl von Pfaden und Wegen, die die Menschen hier entlang in Ihrer Stadt begehen, zu einer welligen aber glatten, grauweiß melierten festen Belagsschicht niedergetreten worden, die vom täglichen Schmelzprozess und dem nächtlichen Bodenfrost in eine durchgehende Eisdecke verfroren wurde. So ist alles zuerst auf dieses Tasten mit den Füßen verlagert, das sich wieder finden muss, um eine angemessene Gangart für diese Situation zu finden. Die Situation ist: Ich wende mich doch gleich der Spree zu, die keine fünfzig Meter von meinem Hauseingang vorbeizieht und auch immer von den Fenstern meiner Wohnung aus erster Bezugspunkt beim Blick nach draußen ist.
Wie so oft frage ich mich, woher an diesem frühen Sonntagmorgen denn das umfassende Rauschen herkommt, wähne ich doch die meisten Menschen und mit Ihnen ihre Autos und Geschäftigkeiten noch in der Ruhe ihrer Wohnungen. Es könnten ein paar S-Bahnen und Züge mit dabei sein, die da zwischen Spree und Tiergarten am Hansaviertel entlang Rauschen, doch so ganz nehmen Sie mir die Antwort dieser Frage nicht ab. Ich wende mich nach rechts, flussabwärts und wähne im morgendlichen halbdunkel die Welt ansonsten noch still, so wie auch das Wasser daliegt, ohne sichtbare Flussrichtung, nur von einer Vielzahl leichter Beulen durchzogen die sich heben und senken.

Langsam werde ich aufgenommen von den letzten Schwaden des Frühnebels, die schon von dem hinter und über ihm und überall um mich herum sich zart abzeichnenden blauen Himmel durchdrungen und ausgelöscht werden. Das Krähen der Raben ist eine erstes lautes Zeichen, das zu mir durchdringt und mich weiter in die bruchstückhaften Naturelemente hineinzieht, die in der Stadt zu finden sind. Weiter vorn höre ich ein Plätschern, das mich weiter treiben lässt. Doch kaum schneller scheine ich mir als der so träge Fluss der in der ihn beschreibenden Eigenschaft eher ein flüssiges oder wässriges ist und dem Wesen nach träge wie ein Träger. Links von mir also der flüssige Träger, so dass die Herkunft dieses Plätschern ein Geheimnis bleibt, als ich auf Höhe der vermeintlichen Klanquelle vorbeikomme. Dort fallen mir die Reste der Eisschicht ins Auge, die vor wenigen Tagen noch die gesamte Spree zum oberflächlich betrachtet endgültigen erliegen gebracht hatte. Still hatte sie so dagelegen, gestarrt, dem Auge zwar ein Unterschied, doch dem Ohr in dieser kalten Jahreszeit keiner.
Solange keine Schiffe wie dann im Sommer verkehrten, war kein Wellengang und keine Uferböschung, die ein Glucksen und Plätschern verbreiteten, wo Land und Wasser sich trafen. Die einzigen Male, in denen dieser Zustand in den vorangegangenen Tagen unterbrochen worden war, war die tägliche Fahrt des Eisbrechers gewesen, der sich durch die kalte und glatte Schicht hindurch flussaufwärts fraß. Dann hatte schon von weitem ein tiefes Dröhnen etwas Fremdes und Seltenes angekündigt, das an diesem Weg der Stadt sonst nie zu hören war. Der Krümmung des Weglaufs entsprechend war noch unbesehen, was da in einem langen crescendo sich den Weg durch das Spreeis hindurch bahnte. Dann, schon sichtbar, wie er mit hochgerecktem Bug und herausgedrücktem Kiel, wie es die Spreeschiffe ansonsten nicht ausbilden, das Band in der Mitte durchschnitt, hörte man ihm vorauseilend, wie sich die Spannungen der Eisplatten in hellen, springenden Vibrationen, eine Mischung gläserner Cellosaiten und stählerner Trommelfelle, über der Eisdecke entluden . Nur wenige Sekunden später war alles ein Mahlendes, Dröhnendes und fast zu lapidares, weil leichtes Bersten. Die ganze Decke gefrorenen Wassers geriet in Wallung und wurde vom Kraftfeld des so genannten Seelöwen, das von seinem halb ins Wasser und in die Luft gereckten stählernen Korpus ausging, erfasst. Die von dort ausgehenden Bugwellen, die wie Schwingen eines Vogels die gesamte Breite des Fluss bis hin zu den Uferböschungen durchflossen, zerbrachen die vermeintlich so dicke Eisschicht mit seiner durch die Fläche rollenden Bewegung in Fragmente. Fragmente, die dann noch – der Eisbrecher sie hinter sich lassend – erschüttert eine Weile aneinander stießen, mit ihren eisigen Zacken ein wenig knirschten, raspelten und schmatzten, um sich dann in ihren Regungen verebbend wieder hinzulegen und darauf zu warten in der folgenden Nacht oder gar schon im Laufe des Tages sich in der Kälte wieder zu vereinigen.
Heute nun waren es nur noch ein paar wenige Schollen, die sich da im Strömungsschatten am Rand eisern zusammengerottet hatten, und denen nur noch die Wärme des Tages und die Sonne etwas anhaben konnten. Ein paar Vereinzelte trieben von irgendwo flussaufwärts herbeigeströmt in der Flussmitte, denen ich folgte.

Die Raben waren so laut geworden, dass ich dankbar die Spatzen annahm, die in einem kahlen Busch neben mir trällerten. Der Gang um den Busch herum lenkte meinen Blick auch auf den in meinem Rücken sich ausbreitenden Himmel, der dort von unterhinterhalb ganz des Horizonts, so mit Licht bestrichen wurde, dass die darin sich wie eine Wirbelsäule ausstreckende Gemengelage der Wolken in Kleinmädchenrosa vom Knabenhaften hellblau ahoben, gehalten und mit Volumen versehen durch das unbescheinte Wolkengrau. Der doppelte Kirchturm der Erlöserkirche hob sich dunkel darin ab, als ob meine Augen diejenigen Caspar David Friedrichs seien.
Das sich treffend einstellende Glockenschlagen weckte eine Welt und generierte eine kurze Üppigkeit, weil weiter hinten sich nun auch ein kleiner Schwarm mit seinen Stimmen erwachend erhob, der das Krächzen der Raben, das Trällern der Spatzen, mit seinem Zwitschern und dem vereinzelt auftauchenden kurzen und impulsartigen Pfiff der Blässhühner, bei denen ich immer das Gefühl hatte, dass sie damit doch auch die Wasserfläche und die Umgebenden Ufer ausloteteten, auffüllte.

Ich schlenderte weiter um dem wilden Schwärmen der Möwen näher zu kommen und vermeinte zuerst Ihre schreienden Laute zu hören, als sich dann der Seelöwe überraschenderweise wieder in die Reichweite meiner Augen schob und mir da erst bewusst wurde, dass es seine wohl zu selten bewegten Glieder und Gelenke sein mussten, die da kreischend und quietschend ihn vorantrieben. Wie in den Tagen zuvor schob er sich wuchtig flussaufwärts, als ob auf der Suche nach noch zu zermahlendem Eis. Seine drei großen Bugwellen, die keines der sonstigen Spreeschiffe zu erschaffen vermochte, oder gar nicht erschaffen durfte, sprangen in hoher Frequenz den Faltungen der Uferspundwände entlang, und erlaubten sich dabei bis über den befestigten Uferrand hinauszuschwappen. Zeitgleich erhob sich dann tatsächlich das Geschrei der Möwen, als ob auch sie wie ich sich dieses nun etwas wilder gewordenen Wassergangs erfreuten, sich ihrer maritimen Herkunft erinnerten und tiefe Instinkte fühlten.
Die Bugwellen der anderen Seite waren bereits vom dortigen Ufer reflektiert worden und sprangen nun auch meiner Spreeseite entlang den vorauseilenden hinterher, wie ein sichtbares und zugleich hörbares Echo. Die Spree war so in Wallung versetzt, dass die Spundwände nun unablässig ihr glucksen und schlürfen hören ließen, dass es mir fast zu eintönig wurde, und mich wieder drängte, weil es schon lange in meinem Kopf herumspukte, ihre serielle und unablässig sich in gleich bleibenden Dimensionen wiederholende Form aufzubrechen. Weil sie so, wie sie jetzt waren, nur von Berlins Flussufern unerhörter Armut erzählten.

Öffnung I

Ein metallen blauer Himmel im Dämmerzustand,
der Regen, mit Hagelkörnern durchsetzt, pleckert auf mein zinkgraues Fensterblech.

Am liebsten ist mir ein Sommergewitter am Anfang, wenn zu spüren ist, wie es nach dem Raum greift, sich ihm einverleibt und die ersten Schwaden feucht durchsetzter Luft durchziehen.

Ja, so hätte es eigentlich schon gestern erklingen müssen, doch wegen des gestern geschlossenen Fensters, was heute ein trotz ist, war er nicht zu hören.

Am Tag zuvor noch hatte ich Blitz, Donner, offenes Fenster, doch der Sturm hielt nicht Einzug, kein Sommergewitter, die Aufladung fehlte, es war zu kalt, ich machte die Fenster zu, denn Regen und Gewitter zogen mich unbehelligend vorüber.

wenn die ersten Tropfen auf dem Gesimsstreifen aufplatzen, und hochspritzen
so dass ich hörend ihre zersprungenen Feinteile von meinem Platz in der Raummitte auch sehen kann
.

Heute dieses schöne Gefühl, dass da draußen etwas ist, das farblos und unsichtbar hinter dem Fenster vor meinen unscharfen Augen vorbeifliegt, und dennoch hereinspritz. So halb drinnen und halb draußen ist das ein äußerst genussvoller Augenblick.

Meine Ohren scheinen gespitzt zu sein, nach diesem Verlockenden plackern, der kurzen schweifenden Bewegung einer Gießkanne im Himmel. Im Anschluss daran höre ich die Abendvögel deutlicher und lauter, die noch dem Tag nachrufen und zwitschernd ihre letzten Flüge hier bei mir, am Trichterrand des Innenhofes, mit der Dachtraufe oberhalb des von mir bewohnten Geschosses, kreuzen. Der Himmel schimmert immer noch in seinem metallenen Blau, und ich fühle die ersten Schwaden sommerlicher Entspanntheit, die Poren meiner Haut, die sich wie Weizenfelder im Wind öfnnend und schließend im Wechsel der Wärme und kühle, der trockenheit und Feuchtigkeit wiegen, meine Unterarme umspülen.

Das sollte es eigentlich auch im Winter geben, wenn viel feiner und leiser noch, der Schnee fällt und man ihn trotzdem hört.

Wie dumm meine Fenster doch sind. Können nur das Licht hereinlassen, sonst nichts. Nur wenn ich sie aufmache, dann natürlich, aber das Öffnen eines Fensters ist ja eigentlich die Negation eines Fensters, auch wenn das Fenster wiederum die Negation einer Öffnung ist. Denn eigentlich schließt es ja das, was offen ist, oder reduziert es zumindest auf den einen kanal meiner Sinne, der so ungehindert von ihnen durch sie hindurchreichen kann. Außer dem des Lichts ist im Fenster also kein Kanal beabsichtigt, der offen gehalten werden soll. Das ist eigentlich reichlich wenig.

Manchmal wäre es mir lieber, es wäre dunkel hier drin, in meinem Zimmer, oder zumindest dämmrig und schummrig, weil ich dann besser denken kann.

Dann könnte ich noch hören, was draußen so passiert, aber mein Blick wäre in dem kleinen Lichtkegel gebannt, der von meiner kleinen grauen Bauhauslampe ausfaltet. Genauer wäre mir lieber, Luft und Ton zu haben, aber ohne Licht. Eine frische Brise in der Nase, regengesättigt, mit dem Staub der Straßen und den Moderdämpfen der Erde, die auch hier oben noch in der Luft zu schmecken sind.

Sie ist arm, unsere Architektur, arm an Öffnungen. Alle hängen ihm noch nach, seit mehr als 75jahren, dem Fetisch des Glases und des Lichts. Inkorporiert darin die Idee der Hygiene, die der Reinheit, der Idealität.